Jesper

Zum Gedenken von Helle Jensen

Jesper Juul ist am 25. Juli gestorben. Sein Sohn Nicolai hat mich gebeten bei der Trauerfeier einige Worte für Jesper zu sprechen. Ich bin ihm dankbar, es ist eine Ehre für mich und ich will meine Worte zum Gedenken gerne mit euch teilen.

Die letzten 7 Jahre von Jespers Leben waren von Schmerz und Leid gekennzeichnet. Eine neurologische Erkrankung hat es ihm unmöglich gemacht, einfach zu gehen, wenn Dinge zu bedeutungslos waren oder ihn zu sehr langweilten. Die Krankheit nahm ihm auch über einen langen Zeitraum die Möglichkeit zu sprechen – in seiner klaren und direkten Art Rückmeldungen zu geben.

In den vielen Jahren, die ich Jesper gekannt habe, war genau DIES wichtig für ihn – die Möglichkeit, gehen zu können und reden zu können.
Wenn wir uns das vor Augen führen, können wir vielleicht erahnen, wie es für Jesper gewesen sein muss – ohne die Chance, das zu tun, was er am meisten liebte …

Aber er nahm die Herausforderung an und fand Wege zu überleben. Mit einer unbezähmbaren Kraft gelang es ihm seinem Leben weiter Bedeutung abzuringen. Er schrieb und unterrichtete auf Skype und Facetime. Er traf Menschen von überall, die ihren Weg nach Odder, Skanderborg, Aarhus und Norsminde fanden, um seine immer klaren und gleichzeitig herzlichen Rückmeldungen zu genießen.

Es waren die heftigen durchdringenden Schmerzen, an denen er in den letzten zwei Jahren litt, die ihn nicht mehr denken ließen und die ihn ganz und gar forderten. Es schien, als könne er sein Leben, ohne die Fähigkeit, sich zu bewegen und ohne zu sprechen bewältigen. Aber als die Schmerzen ihm die Möglichkeit raubten zu arbeiten – zu schreiben und zu unterrichten – und als er erkennen musste, dass es keine medizinische Hilfe mehr gab, um seine Schmerzen zu lindern, verlor er seine Kraft.

Wenn man an Jesper denkt, wie er die meiste Zeit war, bleibt die Erinnerung an einen Mann der authentisch, außergewöhnlich kreativ und innovativ war. Er war ein genauer Betrachter des Lebens, der in der Lage war, seine Beobachtungen in der Beziehung zu anderen Menschen in passende Handlungen umzuwandeln. Und außerdem war er in der Lage ihnen Worte zu geben.
„Ich verstehe mich als Beobachter und Diener des Durchschnittsmenschen.” [Originalzitat: https://www.sueddeutsche.de/panorama/jesper-juul-nachruf-1.4540588], sagte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und in diesem Sinne, kümmerte er sich weder um wissenschaftliche noch um die akademische Korrektheit.

Seine Art Menschen und deren Beziehungen zu sehen, ist so einfach und so klar. Für mich, wie auch für viele andere, war das eine enorme Hilfe für die Arbeit mit Familien und mit Fachleuten.
Ich erinnere mich an meine erste persönliche Begegnung mit Jesper, als ich am „Kempler Institute of Scandinavia” studierte, das Jesper 1979 gründete und bis 2004 geleitet hat. Ich arbeitete mit einer Klientin, über die ich anschließend sagte: „Sie war ganz und gar nicht mit sich selbst in Kontakt”. Und Jesper schon beim Gehen – drehte sich um und meinte: „Genauso wie Du.”. Das machte mich wirklich wütend, aber es brachte mich dazu, über mich und mein Tun in einer Weise nachzudenken, die mich seitdem begleitet. Das ist nur ein Beispiel für Jespers Fähigkeit zu klaren Rückmeldungen, die weder moralisch noch verurteilend waren, sondern ausschließlich seinem Wunsch entsprangen, sein ehrliches Feedback und seine Beobachtungen zur Verfügung zu stellen.

Wenn Jesper einen Begriff suchte, den es nicht gab, hat er ihn einfach erfunden, was zeitweise die Übersetzung in andere Sprachen schwierig machte. Persönliche Sprache, Gleichwürdigkeit, Selbstgefühl, um nur einige davon zu nennen. Vor einigen Tagen erfuhr ich von der Übersetzung des Buchs „Dein kompetentes Kind“ ins Russische mit dem Titel: „Die Kinder von HYGGE Land“ (hygge ist das dänische Wort für gemütlich, angenehm, wohlig). – Lieber Jesper, ich glaube nicht, dass Dir das gefallen hätte.

Die meiste Zeit unseres Zusammenseins drehte sich um unser professionelles Leben und es war immer sehr bereichernd für mich. Aber es war auch immer klar, dass für Jesper seine kleine nahe Familie große Bedeutung hatte. Seine Art, über seinen Sohn und seine Enkel zu sprechen war immer voller Respekt, tiefer Liebe und Anerkennung – ohne den Versuch sie zu definieren, aber immer interessiert an ihrem Leben und ihrem Sein.

Ich möchte mit den Worten abschließen, die ich zusammen mit zwei Kollegen des früheren „Kempler Institute of Scandinavia“ (heute Dänisches Institut für Familientherapie, DFTI) geschrieben habe – Ruth Hansen und Peter Mortensen, die jetzigen Direktoren des DFTI.

Lieber Jesper, Danke, dass Du Deine Weisheit mit uns und tausenden von anderen Menschen geteilt hast. Was Du gesagt und getan hast, hat großen Eindruck hinterlassen und wird durch Deine Authentizität und Klarheit lange, nachdem Du uns verlassen hast, Wirkung haben.

Danke für unsere Freundschaft und alle unsere gemeinsamen Abendessen mit guten Gesprächen und sehr gutem Wein.
Lieber Jesper, wir vermissen Dich schon jetzt.

Helle Jensen, Juli 2019

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