Einfach mal so loslassen?

by Mona Kino, January 2018

Since I was asked by some readers if I can also publish an article in German  once in a while I decided to pick this one. Hope you enjoy 2018 so far.

Neulich machte ich mir einen Tee und las auf dem braunen Zettelchen, an dem der Faden befestigt ist: Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück. Coaches, Yoga- und Lebenshilfe, Lehrer, einhundertsiebenundzwanzigtausend Blogs und einen Haufen Bücher beschreiben es ähnlich: Wenn ich nur einfach loslasse, dann lebt sich mein Leben besser, leichter, aufrichtiger und authentischer.

Ich hasse diesen Spruch. Und immer, wenn ich so reagiere, weiß ich: Stopp, halt! Mal gucken.

Natürlich habe ich mir wissentlich diesen Tee mit diesen den philosophischen Weisheiten gekauft, weil ich an manchen Tagen immer noch den Beweis anführen will, es gäbe vielleicht doch eine Abkürzung, auch wenn es nur eine ganz klitzekleine ist. Oder einen Trick – wie einen Spruch. Eine Medizin eben, auch gegen das Festhalten.

Es ist auch nicht so, dass ich Loslassen per se nicht schon ausprobiert hätte. Es ist mir sogar auch schon das eine oder andere Mal gelungen. Den Freund, der mich zum x-ten Mal versetzt hat, meine Mutter, meinen Vater, die nicht so waren, wie ich es als Kind gebraucht hätte, den Lebensmittelverkäufer, der mir letzte Woche in die Hacken fuhr, alle schonmal losgelassen. Auch den Wunsch, dass die Kinder mal von allein darauf kommen, die Spülmaschine einzuräumen, losgelassen!

Aber vor kurzem gelang es mir nicht. Auch wenn ich mir eine Weile mit einem Mantra zu behelfen versuchte: „Ich liebe die Lehrer meiner Kinder, wie mich selbst.” Ich war einfach raus, aus meinem Mitgefühl! Und das sowas von.

In Schönschrift stand unter der Arbeit unseres Sohnes: „Dein Deutsch ist katastrophal! Du kümmerst dich besser jetzt darum, als später.” Und weg war meine Empathie für den Lehrer. Die Verschlüsse meines inneren Schutzmantels aus Eisen schnallte ich so schnell fest, wie sich der Blauregen an unserem Balkon festkrallt. Und sofort zuckte mir der Satz durch den Kopf: „Ihre Ethik und Ihre pädagogischen Kenntnisse sind eine Katastrophe! Sie kümmern sich besser jetzt darum, als später!” Nie wieder loslassen! Nie wieder aufmachen!

Nach ein paar Stunden ließ ich die Situationen mit dem Ethiklehrer dann noch mal vor meinem inneren Auge Revue passieren. Denn, so dachte ich, nie wieder aufmachen ist ja auch keine Option. Zu ist nun einmal zu. Auch für Beziehungen, die ich gern eingehen will. Und ich weiß: Loslassen geht. Nur einfach ist es nicht. Und wird es auch nie sein.

Einfach loslassen ist wie Sich nicht so anstellen. Oder: Nicht dran denken. Ja, Einfach nicht dran denken ist noch schwieriger, als Einfach loslassen. Ich jedenfalls denke dann ganz einfach immerzu an genau das, an das ich grade einfach nicht denken soll. Anette Prehn schreibt dazu in ihrem Buch ‚Hirnzellen lieben Blinde Kuh’ im Kapitel ‚Die Rache des Bumerangs’: „Die Forschung hat zwar herausgefunden, dass man unter bestimmten Umständen sehr wohl weniger an etwas denken kann – man dadurch aber die Wahrscheinlichkeit erhöht, das zu tun, woran man nicht denken wollte, wenn sich Gelegenheit dazu bietet. Wenn der Chef die ganze Zeit seine Zuneigung zu seiner Sekretärin unterdrückt, erhöht er die Wahrscheinlichkeit, auf der nächsten Weihnachtsfeier mit ihr zu flirten.”

Also nahm ich mir Zeit, nicht viel, vielleicht zwanzig Minuten, und machte mir bewusst, was da in mir passierte, wenn ich solchen Äußerungen begegne. Und ich stellte fest, bei jedem Treffen mit den Lehrern meiner Kinder sind auch meine ehemaligen Lehrer und Lehrerinnen mit im Raum. Übertragung nennt man das in der Psychologie. Das ist, als würde sich ein Mensch aus der Vergangenheit wie eine Schablone vor mein heutiges Gegenüber schieben. Was natürlich auch im positiven Sinne passieren kann. Eine Geste, ein Satz, ein Geruch oder eine Stimmlage führen uns mal in bewusste, mal in weniger bewusste Erinnerungsbereiche, an Menschen und Erlebnisse, die uns in der Vergangenheit gut oder auch nicht so gut taten.

Ich sah allen voran meine ehemalige Internatsleiterin, Frau Dr. Sch., wie sie beispielsweise uns Mädchen morgens im Pelzmantel dabei zusah, wenn wir uns bei Minusgraden in der nicht geheizten Mädchendusche im Keller nackt hintereinander aufstellen mussten. Ich erinnere, dass ich dem Weinen der jüngeren Mädchen nicht begegnen wollte, die noch müde vom Schlaf vor oder hinter mir standen und zitterten. Hinzukam, dass ich auch heute noch immer meine Schuld fühle, nicht gehandelt zu haben, beispielsweise ein tröstendes Wort zu sagen oder unsere Direktorin angezeigt zu haben. Da stand ich also in meiner Erinnerung nass, nackt und bibbernd mit meinen Freundinnen im Alter von elf, zwölf, dreizehn Jahren und wartete gemeinsam mit ihnen so lange, bis auch die Letzte fertig war, und wir uns zusammen die Handtücher vom Haken nehmen durften. „Einfach nicht dran denken”, hatte auch Frau Dr. Sch. uns in diesen Momenten als Ratschlag mit auf den Weg gegeben.

Dieser Prozess des Bewusstwerdens ist leider alles andere als ein Zuckerschlecken und fühlt sich ungefähr so an, als müsste man sich durch ein Nadelöhr hindurchquetschen. Na gut, vielleicht durch das einer dicken Stopfnadel – mit zeitweiligem Alice-im-Wunderland-Effekt. Die gute Nachricht ist: Hinterher geht es mir aber auch immer wie Alice, am Ende der Geschichte war ich befreit. Weil ich danach wusste, unsere Eltern hätten damals handeln müssen und nicht ich oder wir Mädchen, weil es in diesem Altern nicht in unserer Verantwortung liegt, solche Dinge zur Anzeige zu bringen. In diesem Alter haben wir ein Recht darauf, uns an Orten zu befinden, die unserem körperlichen und seelischen Wohl gut tun. Und ich konnte mir beantworten, was ich – und nur ich persönlich – brauche, damit ich zum Beispiel diese Bemerkungen der Lehrer loslasse, und mich nicht mehr mit ihnen identifiziere.

Denn nichts anderes tue ich, wenn ich mit gleicher Munition zurückschieße. Ich lasse mich von ihrer Respektlosigkeit anstecken und werde dabei zur Marionette meiner Emotionen und – genauso respektlos.

Für den nächsten Elternsprechtag habe ich mir jetzt eine große Schachtel Kleenex gekauft. Denn mir hilft Humor, wenn ich mich herausfordernden Situationen stellen muss. Ein leises anerkennendes Augenzwinkern für das, was ich in den Jahren mit Frau Dr. Sch. noch alles erlebt habe, in meine Richtung. Es macht mir Mut, heute dabei zu bleiben, was ich gelernt habe: Den anderen zu sehen, wie er ist, wenn er solche Sätze unter einen Aufsatz schreibt. Unachtsam und unempathisch. Es hilft mir, mich daran zu erinnern, neugierig zu bleiben und mich dafür zu interessieren, wie er das gemeint hat.

Ich will damit nicht sagen, dass wir unsere Grenzen nicht deutlich zeigen sollen, ganz im Gegenteil. Ein Spruch wie dieser unter einer Arbeit ist unakzeptabel. Und genau das kann ich sagen. Oder ich kann sagen: „Das geht mir jetzt zu nah, wie meinen Sie das genau? Die Aussage ist schon klar, aber was ist Ihre Intension dahinter? Halten Sie unseren Sohn für dumm, dass er das nicht selbst weiß, oder uns? Und was denken Sie können Sie dazu beitragen, dass sich das verändern kann? Wir tun unser Bestes und nichts anderes. Ja, es ist schade, dass sein Deutsch für Sie oder ganz im Allgemeinen nicht gut genug ist. Darin stimme ich Ihnen vollkommen zu. Nur, was können wir – Sie, ich und mein Sohn ab jetzt dazu beitragen, dass sich das zum Besseren wendet? Immerhin war er fünf Jahre auf einer englischsprachigen Schule.”

Und wenn ich merke, dass bei dem Gespräch Frau Dr. Sch. doch nochmal vorbeikommt, dann werde ich die Schachtel Kleenex auf den Tisch stellen und sagen, „Ich bin heute etwas nah am Wasser gebaut. Es gibt einfach keinen verletzlicheren Punkt in meinem Leben, als meine Mutterschaft.” Wahrscheinlich reicht mir der Gedanke, dass ich diese Packung mit den Vögelchen drauf in der Tasche habe. Dann kann ich innerlich ein wenig zurücktreten und schmunzeln, wenn die eine oder andere Äußerung mal zwickt.

Die Heftigkeit der Reaktion auf mein Gegenüber oder die Situation ist für mich der Gradmesser für diese Bewusstseinsübung. In der Schmerztherapie sagt man, es solle auf einer Skala von eins bis 10 die 8 nicht überschreiten.

Wenn wir in Situationen sind, in denen wir Gefühle, wie Wut, Scham, Trauer, Versagen, manchmal aber auch Freude nicht zulassen können oder dürfen, kann es zu Blockaden kommen. Deshalb machte ich die folgende Dehnübung meiner Hüftmuskulatur, bevor ich mich mit den einzelnen Etappen meiner Reflexion beschäftige. Nach der chinesischen Heilkunde sitzen dort und im Becken (der Ort des zweiten Chakras) die Emotionen, die für folgende Themen stehen: Beziehungen, Kreativität, Spaß und Sinnlichkeit. Diese Übung dehnt die Hüftmuskulatur wieder und öffnet den Brustkorb, sowie die Schultern. Durch die Weite im Brustraum kann die Herzenergie wieder frei fließen. Sie gibt Kraft und Geduld und spricht vor allem unsere Gefühlsqualitäten so an, dass wir sie wiederfinden und ihnen Raum geben können.

Vorbereitende Körperübung:

1 Beginne auf einer Matte im Vierfüßlerstand. Deine Hände sind unter den Schultern, deine Knie hüftbreit aufgestellt.

2 Bringe dein linkes Knie nach vorn neben dein linkes Handgelenk und lege dein Schienbein so parallel zum Mattenende wie möglich am Boden ab. Deine Fußsohle zeigt dabei nach rechts.

3 Dein rechtes Bein ist dabei über das Knie bis zum Fuß hin gerade nach hinten ausgestreckt.

4 Stütze dich mit gespreizten Fingerkuppen fest auf dem Boden ab und halte deinen Oberkörper gerade. Dein Blick ist nach vorne gerichtet, Nacken und Schultern sind entspannt, deinen Bauchnabel ziehst du nach innen.

5 Lehne dich mit dem Oberkörper beim Ausatmen langsam nach vorne und unten, indem du mit den Fingern nach vorne wanderst. Wenn du dabei deine Pobacken anspannst, unterstützt du deinen unteren Rücken und hältst deine Hüfte stabil. Bleibe ein paar Minuten in der liegenden Position. Deine Stirn kannst du am Boden ablegen. Achte darauf, dein Gewicht auf beide Beine gleichmäßig zu verteilen. Wenn du in deinem Körper eine Blockade spürst, atme dorthin und sieh, ob du die Region noch ein bisschen mehr entspannen kannst.

6 Beim Einatmen hebe deinen Oberkörper wieder an und stütze dich wie zuvor auf deine gespreizten Fingerkuppen, so dass du weiterhin eine gerade Körperhaltung beibehältst.

7 Komme für einen kurzen Moment in die Haltung des Kindes. Dann wiederhole das Ganze auf der anderen Seite.

Dialogübung

1 Beschreibe – oder lass dir beschreiben- die Situation/das Kind/ dein Gegenüber, wie du sie/ihn erlebt hast. Welche Ausdrücke und Handlungen waren typisch. Jedes Detail spielt eine wichtige Rolle. Wenn du zu allgemein bleibst, ist es nicht möglich, präzise genug mit den eigenen Reaktionen in der entsprechenden herausfordernden Situation in Kontakt zu kommen.

2 * Was macht das mit dir?
– Welche Gedanken, Gefühle und Empfindungen spürst du in dieser Situation in deinem Körper?
– Wie ist der Kontakt zu deinen natürlichen Kompetenzen, zu deiner Empathie, deiner Aufmerksamkeit, deinen Gedanken, deinem Körper, deiner Atmung, deiner Kreativität?
– Achte darauf, wo du dir guten Kontakt bewahren konntest, und wo du ihn verloren hast.
– Finde eventuell heraus, wie du daran arbeiten kannst, den Kontakt, den du verloren hast, wiederherstellen zu können. Oder finde heraus, ob du dich darauf konzentrieren solltest, den Kontakt zu stärken, der noch gut ist.

3 * Richte deine Aufmerksamkeit jetzt auf dein Gegenüber. Wie war es in dieser Situation? (Jetzt darfst du auch gern analysieren)
– Wie verstehst du dein Gegenüber und seine Reaktion?
– Wenn du die Situation aus der Sicht deines Gegenübers betrachtest, was treibt es dazu, sich so zu verhalten?
– Was vermisst dein Gegenüber in der entsprechenden Situation? Hast du eine Idee, welche Bedürfnisse von ihm nicht gesehen oder anerkannt wurden?
– Kannst du sehen, zu welchen natürlichen Kompetenzen es den Kontakt verloren hat? Könntest du dazu eine Übung mit ihm anwenden, um diese natürlichen Kompetenzen wieder zu stärken?

4 * Was kannst du selbst ändern, um in entsprechenden Situationen konstruktiver zu agieren?
– Wie kannst du dein Verhalten auf das Verhalten deines Gegenübers in entsprechenden Situationen abstimmen:
– ihm mit Authentizität begegnen?
– das, was du siehst und hörst, aufnehmen und anerkennen?
– gleichzeitig deine Botschaft vermitteln?

Illustrated by Gesine Grotrian & edited by Kerstin Schöps